Profit versus höheres Ziel – Organisationen in der Sinnkrise?

Welches sind die Kernaussagen von Friedman?

Friedmann hat 1970 in der New York Times seinen Aufsatz „The Social Responsibilty of Business is to Increase its Profits” veröffentlicht.

Zunächst mal fokussiert der Autor auf die Organisation oder das Unternehmen und seine Führungspersonen, die in der Regel Angestellte der Eigentümer – und damit ihnen gegenüber verantwortlich sind. Er betont dabei besonders die Eingebundenheit des Unternehmens in die Regeln der Gesellschaft, die sich im Rechtssystem und in den ethischen Grundsätzen manifestieren. Aber, die eigentliche Verpflichtung für die verantwortlichen Manager sei es, Geld zu verdienen. Demgegenüber ist klar, dass der Geschäftsführer eines Unternehmens auch ein „privates“ Individuum darstellt. Und genau in dieser Rolle könnte die Managerin sich, wenn gewünscht, sozialen Verantwortlichkeiten stellen, z. B. mit dem Einsatz von eigenem, privatem Geld.

Wenn nun ein angestellter Manager das Geld der Organisation ausgibt, z. B. indem versucht wird, die Umweltverschmutzung über das gesetzlich festgelegte Mindestmaß zu reduzieren, bedeutet es, dass er das Eigentum (=Geld) seiner Arbeitgeber für ein soziales Interesse ausgibt. Damit würde er quasi zu einem Staatsdiener, einem Beamten mutieren, der Geld für soziale Ziele ausgeben kann. Hierzu würde es aber politischer Mechanismen bedürfen und nicht solcher des Marktes. Wer, so Friedman, soll das nun bestimmen, wie und wofür Geld ausgegeben wird? Es fehlt der politische Legitimierungsprozess. Letztendlich könnten wir auch sagen, dass sich aufgrund fehlender demokratischer Prozesse (sich z. B. Mehrheiten zu organisieren und dann zu entscheiden, wieviel Geld für welche sozialen Ziele ausgegeben werden soll) hierbei undemokratische Prozesse Bahn brechen.

Insofern, und das ist aus meiner Sicht eine der Kernaussagen, kann jede Person Gutes tun, aber nur „auf eigene Rechnung“. Dies gilt also für die angestellte Managerin als auch für den Eigentümer eines Unternehmens. Im Besonderen Letztgenannter kann „eigenes“ Geld für soziale Zwecke spenden.

Nicht unerwähnt bleiben sollte der Fall, dass ein Unternehmen sehr stark in der örtlichen Gemeinschaft verwoben ist und z. B. über Spenden „Gutes tut“. Dadurch, dass aber dafür auch Gegengeschäfte erwartet werden, so z. B. die längerfristige Bindung von Mitarbeitern an das Unternehmen oder auch ein steuerlich begünstigter Abzug von Spenden des Unternehmens (im Gegensatz zu den Spenden als Person), kommt es zu einer Augenwischerei und Friedmann verurteilt diese auf‘ s Schärfste.

Ebenso seien die öffentlichen Aussagen von hochrangigen Vertreterinnen der Unternehmen zur sozialen Verantwortung ihrer Organisationen eher geeignet, die (damals) vorherrschende negative Ansicht über Gewinne (gefährlich, unmoralisch und diese sollten durch Kräfte außerhalb des Marktes kontrolliert werden) noch zu verstärken. Er spricht sogar in diesem Zusammenhang von einem suizidalen Impuls der Unternehmensvertreter

(siehe auch: „Ein Hoch auf den Gewinn“, in: FAS vom 01.09.2019).

Insofern, und das bildet den Abschluss des sechsseitigen Aufsatzes, gäbe es nur eine soziale Verantwortung der Wirtschaft: die Aktivitäten des Unternehmens so zu lenken, dass der Gewinn steigt, und zwar solange es sich gemäß den Spielregeln im offenen und freien Wettbewerb verhält, ohne Täuschung und Betrug.

Gotteslästerung?

Es scheint so zu sein, dass bereits 1970 sehr heftige Diskussionen in Amerika zur Wirtschaft, den Märkten und auch der Verantwortung „des“ Unternehmens in einer Gesellschaft tobten. Das ist an mehreren Stellen des Aufsatzes deutlich zu spüren. Vermutlich induziert durch den Vietnamkrieg stellten gesellschaftliche Gruppen vermehrt die Frage nach der grundsätzlichen Organisation des Marktes, freies Agieren der Akteure oder eher der Ruf nach regulatorischen Kräften, um den Markt zu zähmen. Friedman als ein Protagonist der Chicagoer Schule hat hierzu sehr klar zugunsten des freien Marktes Stellung bezogen.

Grundsätzlich lässt sich aus meiner Sicht die Argumentation nachvollziehen. Wie kann es sein, dass ein angestellter Manager Geld für soziale Wohltaten außerhalb des Unternehmens ausgibt? Das gehört den Eigentümern. Und warum spendet er oder sie nicht als Privatperson einen Beitrag, engagiert sich in örtlichen Vereinen etc.?

Des Weiteren, und das wird in vielen Artikeln verschwiegen, weist Friedman ja explizit auf die „Spielregeln des Marktes“ hin, die es für Unternehmen zu beachten gilt!

(siehe auch: „Was hätte Milton Friedman gesagt“, in: FAZ v. 23.09.20 – Interview mit Luigi Zingales, The University of Chicago Booth School of Business)

Die Rolle des Marktes

Das Supremat des „der Markt wird es schon richten“ hat sich durch die Liberalisierung der Finanzmärkte in den 1990er Jahren erledigt: einige Unternehmen verfügen heute über höhere Budgets als Länder, Finanzkonzerne haben betrogen und Volkswirtschaften an den Rand der Stabilität gebracht (und damit auch deren demokratische Verfassung) und mussten von den Regierungen (und damit vom Steuerzahler) gestützt werden. Zentralbanken greifen seit Jahren massiv in die Stützung der Volkswirtschaften ein und stellen jetzt fest, dass eine stark steigende Inflation nicht oder nur eingeschränkt zu bekämpfen ist. Unternehmen und Investoren wiederum haben „billiges Geld“ genutzt, massiv in einzelne Bereiche der Wirtschaft zu investieren, so z. B. den Immobilienmarkt, und damit eine Vermögensinflation induziert. Oder es wurde in junge Unternehmen mit modern klingenden Geschäftsmodellen investiert und an die Börsen gebracht, ohne deren Geschäftsmodelle auch tiefgehend zu prüfen. Mein persönlicher Favorit hierbei ist die Belieferung der Endkunden mit Lebensmitteln per Fahrradkurier. Wie soll dieses Geschäft jemals ein positives Ergebnis erwirtschaften und die heutigen Niedriglöhne signifikant erhöhen? Bisher wurde doch genau dieser Widerspruch zulasten der Volkswirtschaft und somit aller Steuerzahler „aufgelöst“: mögliche Gewinne wurden privatisiert und Verluste bzw. die perspektivische Einkommens- und Rentenlücke bei vielen Mitarbeitern sozialisiert.

Letztendlich wird deutlich, dass diese strikte Fokussierung auf „den Markt“ nicht funktioniert hat und nicht funktionieren wird. Es scheint so zu sein, dass doch mehr Spielregeln erforderlich sind, um alle Akteure zu einem „fairen Verhalten“ zu animieren, um es politisch korrekt zu formulieren. Und das ist nun mal Aufgabe einer Regierung. Ist damit die Idee einer Marktwirtschaft tot? Nein, aber wir können nicht unkritisch auf Rezepte der Vergangenheit schauen, wenn wir auf der anderen Seite feststellen, dass sich die Welt signifikant verändert hat.

Und was ist jetzt mit dem Zweck eines Unternehmens?
Die Betriebswirtschaftslehre ordnet einer Organisation drei Kennzeichen zu

(u. a. in Vahs, Organisation, 10. Auflage, Stuttgart 2019, Kapitel 1):

  • sie sind zielgerichtet
  • sie sind offene soziale Systeme
  • sie haben eine formale Struktur

Bezüglich der Ziele überwiegen klassische Finanzkennzahlen (mehr Umsatz, Gewinn, höhere Rentabilität, KPI…).

Etwas anders argumentiert die Soziologie (so z. B.: Kühl, Organisationen – Eine sehr kurze Einführung, Wiesbaden 2011, S. 16 ff.). Als zentrale Merkmale gelten für eine Organisation:

  • die Mitgliedschaft
  • der Zweck
  • die Hierarchie

Ausgehend von einem „Ur-Zweck“, der quasi die Existenzberechtigung der Organisation darstellt (Kühl, S. 24), könnten dannprobate Unterzwecke gebildet werden, so dass ein großes Unternehmen auch als hierarchische Zweckpyramide verstanden werden kann. Wenn diese Zwecke nun mit Positionen in der Hierarchie zusammengeschaltet werden, entsteht eine Organisation im Sinne von Zweck-Mittel Relation (Kühl, S. 25).

In der Beschreibung von Organisationen greift die Soziologie genau hier an, indem sie diese sehr rationale Sicht mit Beobachtungen verknüpft – und dann wird es „bunt“ und nicht mehr so klar: der Zweck ist teilweise nicht deutlich definiert und/oder den Mitgliedern nicht oder nur in Teilen bekannt. Dem akademisch geforderten Prinzip, Stellen nur sachgerecht/am Zweck zu orientieren (ad rem), wird in der Praxis sehr oft widersprochen und Zwecke und Positionen für Personen erdacht. Wenn es also im täglichen Organisationsalltag zu Abweichungen, Widersprüchen und Brüchen kommt, dann scheint der oben skizzierte rationale Ansatz zu eindimensional zu argumentieren. Wir könnten dann also annehmen, dass das Festhalten an der Zweckrationalität doch eher einer „Rationalitätsphantasie“ entspricht (Kühl, S. 29).

Worum geht es bei den heutigen Forderungen nach einem höheren Ziel?

Wagner hat in seinem Aufsatz in der FAS („Wozu ist die Firma gut?, in: FAS vom 29.12.2019) sehr stringent argumentiert, dass bereits in den 1970er Jahren die soziale Verantwortung in Deutschland von den Unternehmen eingefordert wurde (Wirtschaftskrise). „Sozial“ wurde aber ausschließlich mit den und für die Beschäftigten assoziiert. Erst der Perspektivenwechsel vom sogenannten „shareholder value“ in den 1980er Jahren hin zum „stakeholder“-Ansatz („…alle von den Entscheidungen der Unternehmen Betroffenen sowie alle, die hierauf Einfluss nehmen konnten.“) öffnete die Türen zu vielfältigen CSR Aspekten (Corporate Social Responsibility). Wagner geht in seinem Artikel im Besonderen auf die Haltung der Gewerkschaften ein, die interessanterweise eben nicht den CSR – Ansatz unterstützten (viele Ansprüche vieler Interessengruppen und nicht „der einen“ Vertretung der Arbeitnehmer). Die Gewinnerzielung, so Wagner, wurde aber in den letzten Jahrzehnten zunehmend wieder dominierend und CSR quasi als Marketinglabel hierfür genutzt. Dazu beigetragen hat wohl auch die Indifferenz des Begriffes, die damit organisations-spezifische Deutungen zulässt.

Noch deutlicher wird der Economist („I’m from a company, and I‘m here to help”, in: The Economist August 24th 2019). Sogenannte ESG Kriterien (environmental, social, governance) haben in den letzten Jahren Einzug in die Führungsetagen von Unternehmen gehalten, u. a. durch den Druck bedeutender Finanzkonzerne, wie z. B. BlackRock. Insofern ist auch erklärbar, warum Themen, wie z. B. Gewinne zu erzielen (für alle shareholder und stakeholder), einen Wertbeitrag für die Kunden zu liefern, die Mitarbeiter zu schulen, in Bezug auf Geschlecht und Rasse inklusiv zu agieren, alle Lieferanten fair und ethisch korrekt zu behandeln, die Kommune, in der der Sitz des Unternehmens ist, zu unterstützen und letztlich auch die Umwelt zu schützen, auf den Tagesordnungen von Vorstandssitzungen stehen.

Dem Argument, dass der Einzelne die Forderung nach einem höheren Ziel nicht oder nur sehr eingeschränkt beeinflussen kann, wird entgegengehalten, dass der Zusammenschluss der Individuen über eine Organisation, also dem Unternehmen, viel erfolgreicher sein kann.

Oliver Hart, Preisträger des Nobel Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2016, negiert die Ansätze Friedmans nicht, sondern versucht, sie in die heutige Zeit zu transferieren („Gewinne sind nicht alles“, in: FAZ v. 28.09.2020).

Zunächst stellt er fest, dass die Unternehmen sich den Anteilseignern verpflichtet fühlen sollten, aber genau deren Interessen oder deren Fokus haben sich heute, ca. 50 Jahre nach Erscheinen des Friedman Artikels, verändert. Und wenn viele Individuen z. B. den Umweltschutz präferieren, dann könnte es ja sinnvoll sein, diese Kräfte in einem -/durch ein Unternehmen zu bündeln. Explizit stützt Hart die Argumentation von Friedman, dass Spenden nicht durch Organisationen erfolgen sollten, sondern durch die „privaten“ Aktionäre und „privaten“ Managerinnen.

Auf die Frage, welche Möglichkeiten zur Einflussnahme bei Unternehmen bestehen, verweist der Autor auf den Ausstieg (die Unternehmensbeteiligung wird aufgegeben/Aktien werden z. B. verkauft) und den Einspruch (Aktionäre üben z. B. ihr Stimmrecht aus).

Und nun – sind Organisationen wirklich in einer Sinnkrise?

  • Wir können zunächst mal festhalten, dass Friedman, entgegen den allermeisten Zitationen, in seinem Artikel aus 1970 sehr deutlich Recht und Gesetz betont hat, die für alle Aktivitäten von Unternehmen gelten, sie sozusagen in einen Handlungsrahmen einbauen.

  • Wie jede Quelle der Vergangenheit, so ist auch dieser Aufsatz aus seinem zeitgeschichtlichen Kontext her zunächst zu beurteilen und dann auf die Gegenwart zu übertragen. Es fällt auf, dass einige Aussagen durchaus noch Bestand haben.

  • Die Forderung gegenüber Organisationen nach einem Zweck ist nicht neu.

Der Zweck (ein Ziel) als ein Merkmal einer Organisation kann darüber hinaus auch in den Fachbüchern gefunden werden. Wagner weist z. B. in seinem Aufsatz für die FAS („Warum Manager lügen müssen“, in: FAS v. 04.10.2020) darauf hin, dassdas (alleinige) Streben nach Gewinn schon zu Anfangszeiten der (damals) neuen wissenschaftlichen Disziplin Betriebswirtschaftslehre vor ca. 100 Jahren verpönt war.

  • Was allerdings neu ist, ist die Verknüpfung des Zwecks mit Kriterien des ESG: Unternehmen sollen heute, so die Forderung, die Aspekte „environmental, social, governmental“ in ihre Geschäftspolitik aufnehmen und auch aktiv vertreten.

Es wird allerdings nicht deutlich, woher nun diese Forderungen stammen: die Eigentümerinnen, eine sogenannte Öffentlichkeit, Interessengruppen, Medien, weitere Handelnde oder ein Mix aus alledem?

Auf der anderen Seite können wir Unternehmen, zumindest den weltweit operierenden Konzernen, einen solchen Zweck zuordnen, wenn deren ökonomische Kennziffern ein Vielfaches von Staatshaushalten widerspiegeln. Wieso sollten z. B. Amazon und Apple in ihren Absatzmärkten keine Steuern zahlen, aus denen diese Volkswirtschaften dann z. B. wieder in Infrastruktur und Bildungssystem investieren?

  • Der Druck, heute (vermeintlich) korrekt zu agieren, hat zwangsläufig dazu geführt, dass Unternehmen sich diesen Themen gegenüber geöffnet haben, einige wohl analog des „green-washing“ inhaltlich nur halbherzig, dafür aber mit einem hohen Marketingbudget!
    Aktuell behandelt ein Artikel in der FAS („Bitte nicht politisch korrekt“, in: FAS vom 19.06.22) genau dieses Phänomen, für das offensichtlich auch ein weiterer Begriff Eingang in die Diskussion gefunden hat: „woke capitalism“ (aufgeweckter Kapitalismus), also das Engagement von Firmen für die o. a. ESG Positionen. Kritiker bemängeln aber auch hier die Ernsthaftigkeit und haben dafür das „woke-washing“ geprägt!

Darüber hinaus kommt eine im Artikel aufgeführte Studie zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass „Mitarbeiter, die mit einer vermeintlich progressiven Haltung der Firma nicht einverstanden sind, deutlich demotiviert werden, wogegen die woke Haltung bei den zustimmenden Mitarbeitern keinen feststellbaren Motivationsgewinn bringt.“

Es scheint also durchaus Vorsicht angebracht zu sein, dem Zweck bedingungslos hinterherzurennen (wie z. B. in „Wir sind in eine Optimierungsfalle geraten“, in: Bonner GENERAL-ANZEIGER, 25./26.06.22).

  • Insofern befinden sich die Unternehmen aus meiner Sicht nicht in einer Sinnkrise, wobei die Diskussion um „Profit versus höheres Ziel“ vermutlich auch nur für große Unternehmen gilt und in der Bundesrepublik Deutschland eben nicht für die Masse der Firmen.

Die Anteilseigner müssen auch heute noch erwarten, dass ihre Unternehmen Gewinne erwirtschaften, die dann erst bestimmte „Wohltaten“ ermöglichen, sowohl innerbetrieblich als auch in der Volkswirtschaft.

  • Auf der anderen Seite wird doch heute sehr deutlich, dass eine globalisierte und damit verflochtene Weltwirtschaft von den handelnden Unternehmen Anpassungen erfordern. Und zwar immer: die Veränderung ist die Regel und nicht die Ausnahme. Und diese Anpassung gilt auch für Aspekte des ESG.

Letztendlich können wir auch sagen, es ist Aufgabe der Führungskräfte – so es sie denn in einem Unternehmen gibt und nicht nur „Vor-gesetzte“ – ESG zu denken, zu sagen, zu tun und das dann auch zu sein, in Anlehnung an Alfred Herrhausen.

Wiedervorlage

Vor Kurzem tauchte mein u. a. Leserbrief an die FAZ wieder auf, wahrscheinlich aus einer Ecke meiner Wiedervorlagemappe.

Okay, ich bin „old-school“ unterwegs! 

Beim nochmaligen Lesen fand ich mich nicht mehr so „old-school“. Im Gegenteil. Meine Anmerkungen unterschreibe ich auch drei Jahre danach noch:

Obwohl wir eine Bundestags- und mehrere Landtagswahlen weiter sind. 

Obwohl wir einen Krieg ca. zwei Flugstunden entfernt in Europa haben. 

Obwohl wir noch in einer Pandemie stecken. 

Obwohl wir „heraus-ragende“, im Sinne von abweichend vom Durchschnitt, Wetterphänomene beobachten können: 

aktuell die sehr hohen Temperaturen in Indien und selbst bei uns im beschaulichen Deutschland im letzten Jahr die Überflutung in NRW und Rheinland-Pfalz.

Insofern möchte ich die u. a. Mail um folgende Punkte ergänzen:

6)

Klimaschutz ist Aufgabe aller Staatsbürgerinnen und -bürger. Ich bin es leid, immer wieder Rufe nach der Politik 

„als Retter in der Not“ zu hören (Herbert Grönemeyer lässt grüßen ☺ ). 

Nein, jeder von uns muss sein eigenes Verhalten ändern und nicht der Nachbar, die Reichen, die Städter, die Landbevölkerung oder wer auch immer. Wir alle sind gefordert.

Das hat auch etwas mit Führung zu tun, und zwar die persönliche Führung und Haltung zu sich selbst und allen anderen Menschen in diesem Gemeinwesen gegenüber. Wenn das in den letzten Jahrzehnten nicht „en vogue“ war, sondern die Individualität als höchstes Gut galt und gilt – schade! Aber das war gestern und ist jetzt vorbei! Wir können das tote Pferd nicht mehr reiten.

Wir könnten ja bspw. damit starten, dieses unsägliche „man“ aus unserem Sprachschatz zu verbannen und durch „wir“ bzw. „ich“ ersetzen. „Man müsste … „ nicht mehr nutzen! „Man sollte … „ nicht mehr nutzen, sondern stattdessen „wir starten mit….“, „wir beenden …“, „ich stelle… in meinem Leben um“.

7)

Ich empfinde die handelnden Personen bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN als Bereicherung unserer Bundesregierung. Aber das bedeutet noch nicht, dass ich mit der politischen Führung beim Klimaproblem insgesamt einverstanden wäre. Es kann doch nicht sein, dass immer noch kein umfassendes Konzept vorliegt und – weit schlimmer – sich die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker nicht trauen, einen Dialog mit den Bürgern zu eröffnen. Ich sitze immer wieder fasziniert vor dem Fernsehen (auch „old-school“, ich weiß), um die Windungen der politischen Gesprächspartnerinnen zu beobachten, wenn es um konkrete Aussagen, bspw. zum Verzicht auf Flugreisen, geht. Keine konkreten Stellungnahmen. Genau an dieser Stelle bedeutet Führung aber, voranzugehen. Ja, und das wird weh tun, im wahrsten Sinne des Wortes. 

Was sollte aber sonst die Aufgabe von Politik sein, wenn nicht die Zukunft zu gestalten? 

Wenn der Klimaschutz die höchste Priorität hat, dann muss z. B. der Bundeskanzler aufstehen und „sagen, wie es ist und was das für jeden bedeutet“. Und er muss sagen, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland nicht alles werden monetär abfedern können, es also jeden trifft. Wir alle werden das „bezahlen“ müssen. 

Führung bedeutet also nicht, sich hinter dem Baum zu verstecken, sondern hervorzutreten und Stellung zu beziehen. Und Führung bedeutet auch nicht, Änderungen anzukündigen und im selben Augenblick zu posaunen, dass die Gemeinschaft alle Kosten übernimmt. Das gibt es nicht mehr. No way!

Und, um das auch deutlich zu kommunizieren: 

Es ist vermutlich vorbei mit unserer Art des Wirtschaftens. Mehr T-Shirts, mehr Autos, mehr Urlaube, mehr Geld… Dieses Mantra gehört auch der Vergangenheit an. Und auch das tut richtig weh! Aber so wird es zukünftig nicht mehr funktionieren.

FAZ:

„Klimaschützer wettern gegen Nutztiere“ , FAZ v. 07.08.19;

„Am liebsten Fleisch“, FAZ v. 07.08.19;

„Kurzsichtige Debatte über kurze Flüge“, FAZ v. 12.08.19;

„CDU schlägt Abwrackprämie für Ölheizungen vor“, FAZ v. 12.08.19;

„Der Kampf gegen Plastik wird härter“, FAZ v. 13.08.19

 

Sehr geehrte Redaktion,

angesichts der Vielzahl an umweltpolitischen Themen, sowie den Vorschlägen und Aktivitäten verschiedener Interessengruppen und deren Berichterstattung in allen Medien habe ich zunehmend das Problem, einen „roten Faden“ zu erkennen und zwar im Hinblick auf Inhalte als auch auf den Gang der Diskussion.

Konsens in der deutschen Bevölkerung können wir wohl unterstellen, dass wir mit Maßnahmen in Deutschland alleine das Klima nicht retten können, sehr wohl aber Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen. Des Weiteren besteht wahrscheinlich Einigkeit darüber, dass Klima/Umwelt ein sehr schwieriges, weil komplexes und auf Systemen und deren Zusammenwirken bestehendes Thema darstellt.

Offensichtlich werden jede Menge an Ideen hierzu produziert. Allerdings, und hier kommt mein erster Einwurf, klingen diese überwiegend so, als sei es immer eine Aufgabe „der anderen“, also der Industrie, der Wirtschaft, der Politik, der Autofahrer etc. Jeder schaut sich um und hofft, nicht betroffen zu sein, weder über den Geldbeutel noch über Ge- und Verbote.

Wenn es aber sehr ernst mit dem Klima ist, dann müssen wir unsere Lebensweise infrage stellen. Und zwar jeder einzelne Staatsbürger, konsequent und umfassend. Wir sind beim Klima/der Umwelt Subjekt und nicht Objekt. Wir können die Verantwortung für unser Handeln nicht delegieren und müssen uns selber anschauen und ggf. auch unser Mantra vom wirtschaftlichen Wachstum und mehr Einkommen , mehr Autos, mehr Bekleidung, mehr Urlaube, mehr Angebote und so weiter „beerdigen“, weil wir es uns nicht mehr leisten können und wollen.

Diese Änderung in unserer Gesellschaft wird so fundamental sein, dass wir alle dies diskutieren und entscheiden müssen.

Nur, wo findet der Diskurs gerade statt? 

Wo sind die Politiker aller Parteien, die gerade auffällig viele Aktivitäten bzgl. der Umweltproblematik ergreifen, und dies mit der deutschen Bevölkerung diskutieren? 

Wo sind die Politiker und auch die Mitarbeiter der Parteien und Verwaltungen, die den Menschen in urbanen Gebieten erläutern, dass der Individualverkehr ein Thema „von gestern“ ist, die den Menschen in nicht-urbanen Gebieten Vorschläge zur zukünftigen Mobilität vorlegen und auch ebenso den Belegschaften der Unternehmen in der deutschen Automobilindustrie erklären, dass ihre Arbeitsplätze in naher Zukunft gefährdet sind, weil wir in Deutschland uns Autos so nicht mehr leisten können und wollen?

Dieselbe Frage könnte ich jetzt für den Flugverkehr, unsere Urlaubsgewohnheiten, den Fleischkonsum, den Genuss von Erdbeeren im April, die Modeindustrie, den Trinkwasserverbrauch und, und, und stellen.

Damit leite ich zum zweiten Punkt über: wo ist eigentlich das Konzept zum Klima-/Umweltschutz? 

Dabei wäre es mir egal, auch nur Arbeitstitel oder Themenüberschriften zu finden und eben noch keine Lösungen. Hauptsache ist doch, dass wir anfangen, zu denken und ein schlüssiges Gesamtkonstrukt erstellen. Mein Eindruck ist aber, dass wir nichts haben und die politischen Gruppierungen sich im Augenblick mit Vorschlägen überbieten, um nicht ja nicht in Wahlen abgestraft zu werden. Nur, ohne Konzept wird es nicht funktionieren. 

Oder wollen wir weiter akzeptieren, dass eine der wichtigsten Säulen unserer Wirtschaft und damit unseres Reichtums, die Automobilindustrie, seit einiger Zeit kaputt geredet wird, ohne eine Alternative anbieten zu können, weil die Politik seit mehreren Jahrzehnten eben nicht in die Bahn signifikant investiert hat?

Wollen wir weiter akzeptieren, dass Windräder „aus dem Boden schießen“ und es, so zumindest vor Kurzem im Fernsehen zu verfolgen, jetzt beim anstehenden Generationenwechsel sich herausstellt, dass die abgebauten Teile nirgendwo entsorgt werden können, weil es sich um Sondermüll handelt?

Wollen wir weiter akzeptieren, dass Elemente unseres Lebens selektiv herausgepickt werden und wir uns moralischen Negativurteilen gegenübersehen, z. B. beim Fleischkonsum, aber gleichzeitig nicht betrachtete Bereiche, in diesem Fall der Kakao, mehr Ressourcen verschwenden?

Was ist eigentlich mit Europa? Mein Punkt drei!

Die Umwelt-/Klimapolitik ist doch im Besonderen geeignet, internationale Aktivitäten zu entwickeln. Wo sind die zu finden, wer macht was, wann treffen sich Arbeitsgruppen…? Aus meiner Sicht: nichts zu erkennen.

Punkt vier.

Angenommen, wir würden in einen Diskurs einsteigen und auch Entscheidungen oder Beschlüsse herbeiführen – wie wollen wir zukünftig damit umgehen? Heute scheint es ja so zu sein, dass demokratisch legitimierte Entscheidungen über den Rechtsweg vielfach wieder in Frage gestellt werden. Dies ist auf der einen Seite ein wesentliches Kennzeichen des Rechtsstaates. Auf der anderen Seite können wir es uns aber nicht mehr erlauben, mehrere Jahrzehnte auf Genehmigungen zu warten, weil Klima/Umwelt ein Handeln erfordern. Oder anders gefragt: sind wir als Staatsbürger und Menschen, die in diesem Land leben, bereit auch demokratische Entscheidungen zu akzeptieren und damit umsetzungsfähig zu machen?

Der letzte Hinweis in meiner Argumentation zielt auf die Medien, also Sie:

Welche Rolle übernehmen Sie hierbei?

Was ich zur Zeit erkenne, ist die, mehr oder weniger gefilterte, Wiedergabe der Ideen.

Wann insistieren Sie denn bei den Mandatsträgern zum Thema Klima/Umwelt und fordern Konzepte ein, um endlich mal Sprechblasen abzulösen?

Oder ist der gesellschaftliche Streit über diese Themen ggf. so schmerzhaft, dass wir ihn alle vermeiden und mit Geld und Umverteilung von Geld zudecken wollen? Wenn das so ist, haben wir dann vielleicht gar kein so schlimmes Umwelt-/Klimaproblem?

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Stephan Tank

 

 

Das 100-Milliarden-Manöver

In der letzten FAS war neben dem dominierenden Thema Ukraine auch eine weitere Folge der, aus Sicht der SPD und Grünen ungeheuerlichen, geplanten Aufrüstung der Bundeswehr zu finden. In Anlehnung an solche quotenstarke TV-Formate wie z.B. „Bauer sucht Frau“ könnte es hier heißen: „Politik und Bundeswehr suchen ein Konzept“. Wie komme ich dazu, meine Anmerkungen zu diesem explosiven Gemisch kommunikativ auch zu verbreiten?

Ich war zu Anfang meiner beruflichen Karriere Offizier der Bundeswehr im Heer und habe die Streitkräfte Ende 1991 verlassen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch 12 Divisionen, jede mit 3 Brigaden, so dass das Heer über 36 Brigaden inklusive Waffen, also z.B. Kampfpanzer Leopard, verfügte. Heute haben wir – die Bundesrepublik Deutschland und damit die Bundeswehr – Schwierigkeiten, 1 Brigade so auszustatten, dass sie den Anforderungen der NATO-Partner entspricht.

Wie konnte es dazu kommen? Einfach zu beantworten: Politische Entscheidungen und Wegducken der militärischen Führung.

Die verantwortlichen Bundesregierungen haben das Militär „kaputtgespart“ (so z.B.). Und jetzt stellt sich heraus, das war falsch! Toll! Und jetzt soll Geld wieder Konflikte überpinseln und weichspülen, national und international. Das machen wir ja gerne in Deutschland.

Ärger 1:

Es ist doch Aufgabe der Politik, u.a. auch „das Morgen“ zu gestalten. Das ist ihre Verantwortung!

Wie konnte es sein, dass alle Regierungen, und in der Ausführung dann der/ die verantwortliche Verteidigungsminister (-in), das zugelassen haben, obwohl zu jeder Zeit seit dem Fall der Mauer 1989 militärische Konflikte stattgefunden haben? Obwohl Putin mit der Ukraine nicht zum ersten Mal einen anderen Staat überfällt? Obwohl wir zusammen mit anderen Streitkräften in NATO – Einsätzen unsere Soldaten weltweit verteilt haben?

Wir halten in unseren Hochschulen und Universitäten immer wieder Vorlesungen zum strategischen Vorgehen ab, bis zur völligen Ermattung der Unterrichtenden und Studenten. Politik benötigt das nicht? Sind sie nur noch taktisch/ operativ unterwegs, soll heißen kurzfristig und der Horizont der Denke geht bis zur nächsten Wahl? Das reicht nicht mehr!

Ärger 2:

Nicht genug, dass keine einsatzbereiten Waffensysteme in den Hangars stehen. Darauf wird ja in den Kommentaren im Besonderen abgezielt.

Aus meiner Sicht noch gravierender ist die Tatsache, dass wir in den Streitkräften keine Expertise mehr haben, die die Vorstellungen des Militärs zu Papier bringt und diese kompetent und auf Augenhöhe mit der Industrie verhandelt. Diese Offiziere und Unteroffiziere gibt es schlechterdings nicht mehr.

Nicht vorhanden. Weg. Das bedeutet, dass die Rüstungsindustrie, übertrieben gesagt, ihre Vorstellungen zu technischen Spezifikationen, Preisen, Lieferzeiten etc. im Grunde genommen der Bundeswehr „diktiert“. Und wie war das nochmal mit den Projekten mit militärischem Hintergrund in der Vergangenheit?

Genau, Katastrophen!

Die Situation im deutschen Militär ist in dieser Beziehung nicht anders als in allen deutschen Bauämtern, denen Ingenieure fehlen, um inhaltlich kompetent und , nochmal erwähnt, auf Augenhöhe mit den Investoren zu diskutieren und zeitgerecht Entscheidungen herbeizuführen. Und das hat deutsche Politik zugelassen.

Wie kann das geändert werden? Kurzfristig überhaupt nicht. Meine Schätzung: mindestens 10 Jahre Zeitbedarf, denn die Expertise für diese Aufgaben entsteht ja auch durch Erfahrung. Und die benötigt Zeit.

Und genau dieser wirklich unglaubliche Zustand der Inkompetenz führt dann zu Freudentänzen in den Vorstandsetagen der Wehrtechnikunternehmen bis hin zu Empfehlungen, doch jetzt Rüstungsaktien zu kaufen

Ärger 3:

Ich selber habe an der damaligen Hochschule der Bundeswehr in Hamburg Wirtschafts- und Organisationswissenschaften studiert. Und ein Bestandteil des Studiums hieß Controlling. Controlling ist auch heute noch Element jedes wirtschaftswissenschaftlichen Curriculums. Alle derzeit verantwortlichen militärischen Führer haben einen Studiengang wie ich durchlaufen und vermutlich die meisten eben im Fach Wirtschaft.

Mit Blick auf den Wehretat des Bundes bleibt festzustellen, dass eine ganze Menge an Geld regelmäßig in das Bundesministerium der Verteidigung fließt. In allen wirtschaftlichen Systemen gilt es aber, zweckmäßige Entscheidungen unter Ressourcenknappheit durchzuführen. Es kann nicht unendlich viel Geld in den Verteidigungshaushalt fließen, sondern wir – die Bundesbürger – dürfen doch wohl von der militärischen Führung erwarten, dass Priorisierungen erfolgen. Wie in einem Unternehmen auch.

Wie kann es sein, dass diese im Studium erworbenen Kenntnisse, zumindest aus meiner Beobachterperspektive, keinen Niederschlag im System Bundeswehr gefunden haben? Wie kann es sein, dass der Umgang mit Steuergeldern so lax erfolgt bzw. dass kein adäquates Controllingsystem implementiert wurde. Dazu gehört auch, eine Entscheidung nicht zu treffen, z.B. induziert durch das organisatorische Wirrwarr mit dem BAAINBw in Koblenz (dem Beschaffungsamt). Die Managementkompetenzen in der Führung von Projekten lasse ich bewusst unerwähnt.

Die militärische Führung ist hierfür mit-verantwortlich und es ist ja schön, dass der aktuelle Inspekteur Heer seinen Verantwortungsbereich als „mehr oder weniger blank“ charakterisiert hat. Aber das ist doch nicht neu.

Wo und wie ist denn die Haltung der Generäle, auch in der Vergangenheit, dazu? Sie sind doch verantwortlich und auch dafür, dass Soldaten mit mangelhafter Ausrüstung in Krisengebiete gesendet werden! Das soll Führung sein?

Führung ist mit Verantwortung sehr eng verwoben. In der Bundesrepublik gilt das Primat der Politik. Trotzdem erwarte ich von einem Offizier in herausgehobener Position das Einstehen für seine Haltung und auch für seine unterstellten Truppen. Und ja, das könnte auch ein Rücktritt sein. Und ja, das wären dann geringere Bezüge im Ruhestand. Und ich hoffe, dass sich diese Übernahme von Verantwortung langsam auch wieder in der Politik bei uns etabliert. Ein Bundesminister für Verkehr Andreas Scheuer war doch genug, oder?